2021 Baltikum

Teil 2 Vilnius – Kaunas (Europäische Kulturhauptstadt 2022)

Am nächsten Abend, nach der Büroarbeit, machte ich mich auf in die freie Republik Uzupis. Bevor ich den Zoll an der Brücke passierte und die Leute benied, die gerade unter der Brücke schaukelten, kam ich bei der Annes’s Kirche vorbei.

Ich passierte den Zoll an der Brücke mit einem neidvollen Blick auf die unter der Brücke Schaukelnden und betrat die freie Republik Uzupis.
Aus Wikipedia: Ein großer Teil der ursprünglichen Bevölkerung kam während des Holocausts um, der jüdische Friedhof wurde von den Sowjets zerstört. Die leerstehenden Häuser wurden von Kriminellen, Obdachlosen und Prostituierten besetzt. Vor der litauischen Unabhängigkeitserklärung 1990 war der Stadtteil einer der vernachlässigsten der Stadt, viele Häuser hatten weder Strom noch sanitäre Anlagen. In den 1990er Jahren hat sich der Stadtteil grundlegend geändert. Aus dem Viertel ist ein begehrtes Wohnquartier für die städtischen Künstler und ihre Bohème geworden. Hier gibt es zahlreiche Kunstgalerien, Workshops und Cafés. Mitunter wird Užupis mit dem Künstlerviertel Montmartre in Paris verglichen, mit dem auch eine Partnerschaft besteht.

Bevor ich weiterreiste machte ich einen Ausflug nach Trakai, 30 Min. per Bus ab Busbahnhof, fährt mind. einmal pro Stunde, € 2.-/2.20 pro Weg.
Zum ÖV: Soweit ich das beobachte, verfügen viele Orte, oder gar jeder über einen Busbahnhof. Es fahren Busse jeder Grösse. Zuglinien gibt es auch, diese nutzte ich noch nicht.

In Trakai sprach ich sofort ein Pärchen an, das mit im Bus reiste, die einzigen Touris weit und breit. Ich durfte mich ihnen anschliessen zum Inselschloss. Dieses liegt auf einer von mehreren Inseln in einer wunderschönen Landschaft.

Entlang der Strasse stehen viele alte Holzhäuser.

Kaunas (Europäische Kulturhauptstadt 2022)

Von Vilnius nach Kaunas sind es ca. 100 km, eine gute Stunde mit dem Bus für € 7.-.

Bereits beim Einfahren in die Stadt beeindruckten moderne Gebäude, grosszügig angelegte Strassen und Plätze. Die Innenstadt ist auch hier autofrei, die Fussgängerzone über drei Kilometer lang. Der prachtvolle Boulevard wird gesäumt von edlen, Shops, Villen, Restaurants, Bars. In der Mitte eine Allee mit Spazierweg und Sitzbanken, beidseitig breite Velo- und E-Scooter-Strassen. Am Anfang des Boulevards steht die St. Michaels Kirche auf einem grossen Platz, umrandet von Restaurants.

Mein erstes Ziel war die auf einem Hügel gelege Christ’s Resurrection Basilica. Leider machte die kurze Seilbahn Pause. Ein Trampelweg führte mich bloss vor ein geschlossenes Gartentor mit viel Müll davor. Ein «geheimer» Treffpunkt? Ich war froh, in den Sandalen den steilen, rutschigen Sandweg wieder herunterzukommen.
Der offizielle Weg führt über viele Stufen. Erst war ich enttäuscht, wo ist das Panorama? Da kam mir die Idee des Kirchturms. Tatsächlich befindet sich auf der Kirche eine riesige Aussichtsterrasse, erreichbar zu Fuss (2.-) oder mit dem Lift (2.50).

Zurück in der Stadt schaute ich plötzlich auf einen grossen Platz mit begehbarem Brunnen, vielen Skatern, da die Blumenrabatten mit «Beton-Rampen» umrahmt sind. Ich setzte mich gleich oben auf die Terrasse einer Bar und genoss das fröhliche Treiben.

Danach war ich gestärkt um einen Blick auf die Arena zu werfen, die auf einer Insel vorgelagert liegt.

Die Arena besticht durch die riesige, digitale Werbefläche über die ganze Länge oben links. Sie sticht von jedem Aussichtspunkt der Stadt ins Auge. Beim Photo erwischte ich wohl gerade einen Wechsel.

Am Sonntag flanierte ich auf der fast menschenleeren, ca. drei Kilometer langen Fussgängerzone, bei ca. 30°C zum Rathaus.

Ein riesiger Platz ums Rathaus, viele Restaurants und natürlich eine Kirche. Ich nahm gleich am Gottesdienst teil. Der Chor sang wunderschön. Es nahmen einige Familien mit Kindern teil. Fast jeder ging zur Kommunion und legte eine Euro-Note in den Opferstock.

Die Menschen hier sind sehr religiös, bekreuzigen sich oft beim Vorbeigehen an Kirchen. In der Altstadt von Vilnius soll es 50 Kirchen geben, in der gesamten Stadt 150.

Ich warf noch einen Blick auf das Schloss, welches ein Museum beherbergt.

Auf dem Rückweg bewunderte street art – 43 Werke sind auf dem Stadtplan eingezeichnet.

Im historischen Präsidentenpalast der Republik Litauen lebten und arbeiteten die drei Präsidenten von 1919 bis 1939, als Kaunas die Hauptstadt Litauens war.

Die Vytautas-Magnus-Brücke wird auch „die längste Brücke der Welt“ genannt. Um von der einen Seite zur nächsten zu gelangen, musste man 13 Tage einplanen. Denn auf der einen Seite lag das russische Zarenreich, auf der anderen das Königreich Preussen. Die beiden Länder benutzten 1807 unterschiedliche Kalender.
Jenseits der Brücke ist die Seilbahn zu erkennen, die zum Aussichtspunkt fährt.

Der Rathausplatz am Freitagabend, der DJ legt schon auf (unten Mitte im Bild).

Allgemeines zu Litauen

Vieles erinnert mich an Polen. Es ist absolut sauber auf Strassen und Wegen. Eine Reinigung sah ich noch nie. Ebensowenig Polizei. Es ist immer ruhig, die Menschen werden nicht laut, die Kinder schreien nicht. Mir fallen die vielen Kleinkinder auf, herzlich umsorgt von den Eltern, vor allem auch von den Vätern.
Natürlich ist das Handy auch hier omnipräsent, doch Menschen mit Stöpseln in den Ohren sieht man kaum.
Die meisten Litauer sprechen gut englisch, sind nett und hilfsbereit.
Noch keine Graffiti gesehen, kaum einen Bettler, keine Obdachlosen.
Die beiden bisher besuchten Städte, die grössten des Landes, sind sehr modern, grosszügig angelegt – und ruhig. Die Innenstädte sind autofrei, auf den querenden Strassen herrscht Tempo 20. Viele Leute sind mit Velos, E-Scootern und wenige mit Skates unterwegs.
Busse gibt es, doch da sie nicht im Zentrum fahren, sehe ich selten welche.
Die Städte und Dörfer scheinen gut mit Bussen erreichbar zu sein. Es gibt auch ein Bahnnetz.
Litauen mit dem höchsten pro Kopf Verbrauch an reinem Alkohl hat seit dem 1.1.2018 das strengste Alkoholgesetz der EU. Verkauf nur an über 20 Jährige, werktags von 10-20 Uhr, sonntags nur bis 15 Uhr. Das Konsumieren ist im öffentlichen Raum und in der ÖV verboten, ebenso zu rauchen.
Zwei Anektoten: 1) Als mir der Wind im Strassen-Café die Serviette auf den Boden wehte erhob sich der Herr am Nebentisch sofort, hob sie auf, erklärte mir etwas, ging mit der Serviette zum Kehrichtkübel und entsorgte sie. 2) Als ich auf einem Bänken in der Fussgängerzone vom Buch aufblickte, entdeckte ich auf der Bank schräg gegenüber ein Etui, das nach Handy aussah. In der Schweiz hätte ich nachgeschaut und es auf den Polizeiposten gebracht. Hier entschied ich mich zum Beobachten, was passiert. Es dauerte nicht lange, setzte sich eine junge Frau auf die Bank. Sie tippte auf ihrem Handy, nahm mal das liegengelassene in die Hand, zog eine Kreditkarte oder ID aus der Hülle, tippte auf ihrem Handy. Es dauerte ca. zehn Minuten, da kam ein mittelalterlicher Herr und nahm sein liegengelassenes Handy glücklich entgegen.

Beginn des Reiseberichtes

Regensburg 8. bis 15. Juli

Nach Bayern zog mich das jährliche Familientreffen bei Regensburg. An zwei Tagen erkundeten wir die Stadt, welche mich immer wieder fasziniert mit ihren wunderschönen Plätzen und Parks, der Donau mit der steinernen Brücke, das Schloss von Thurn und Taxis, die lauschigen Biergärten, der Dom, die engen Gässchen in der Altstadt, die kleinen Läden mit erlesenen Produkten, die Wurstküche, …. Regensburg ist eine Reise wert!

Nachdem meine Familie zurück in die Schweiz abgereist war, verwöhnte mich meine Schwägerin noch ein paar Tage lang. So blieb auch Zeit zum Besuch unserer Lieblingsorte: Der Nepal-Tempel und die Walhalla.

Die Walhalla wurde am 18.10.1842 nach 12-jähriger Bauzeit von König Ludwig I persönlich feierlich eröffnet. Er liess die Ruhm- und Ehrenhalle von einem der bedeutendsten Architekten des Klassizismus bauen, von Leo von Klenze.

Heute wird in dem Ehrentempel die deutsche und europäische Geschichte mit 130 Marmorbüsten und 65 Gedenktafeln eindrucksvoll widergespiegelt. Diese Ehre wurde all den großen Berühmtheiten jedoch frühestens 20 Jahre nach deren Tod zu Teil.

Berlin 15. bis 18. Juli

Mit dem Flixbus erreichte ich nach sieben Stunden Fahrt Berlin, inkl. City-Touren in Weiden, Selb und Hof. Gleich nach dem Einchecken um 21 Uhr machte ich mich auf die erste Erkundigungstour: Potsdamerplatz – Holocaust Mahnmal – Brandenburger Tor – Reichstag und zurück auf Umweg!

Es war ein traumhafter Sommerabend. Für mich befremdend wie ruhig die Stadt war und über weite Strecken menschenleer. Im Sony Center waren einige Restaurants offen, doch ich wollte nicht drinnen sitzen und ging hungrig weiter, vorbei am Holocaust Mahnmal und Brandenburger Tor bis zum Reichstagsgebäude, das einsam und verlassen im Glanz von Scheinwerfern erstrahlte. Ich war berührt vom Blick auf die noch schmale Mondsichel am rot gefärbten Himmel. Eine wunderschöne Atmosphäre.

Beim Reichstagsgebäude sassen viele Menschen auf den Stufen zur Spree und verfolgten eine Film-, Licht- und Tonprojektion an der Fassade des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses: «Die Geschichte des Parlamentarismus in Deutschland und des Reichstagsgebäudes.» Infos: https://www.bundestag.de/grossbildprojektion

Ich muss ergriffen gewesen sein, denn ich bog nach dem Potsdamer Platz falsch ab in die Tiergartenstrasse. Dunkel und leer. Das war selbst mir nicht geheuer. Ich ging lange auf dem Fahrradweg. Irgendwann erkannte ich in der Ferne eine menschliche Gestalt. Eine Polizistin, welche die türkische Botschaft bewachte und mir sagte, dass ich zurück gehen müsse. Eine kleine Abkürzung gab es, durch das Botschaften-Quartier, das ebenso verlassen war. Dann entlang dem romantischen Schöneberger Uferweg – nicht was ich um diese Zeit suchte. Doch gegen Mitternacht kam ich doch noch im Hotel an. Zum Glück hatte ich noch Schokolade und Biskuits im Gepäck.

Sony Center

Am Freitag ging ich erst zum Covid-Test für die Einreise nach Polen. An fast jedem Eck gibt es Test-Centren ohne Termin und gratis. Negativ! Dann und machte mich auf Sightseeing-Tour via den Gendarmenmarkt zum Dom. Als ich 2011 hier war, stand die Humboldt-Box auf der grünen Wiese, nun ist der Bau des Neue Schlosses fast vollendet. Hinter dem Dom entschied ich mich spontan für eine Spree-Fahrt und durfte dank dem Covid-Test an Bord: GGG. Nur wenige Passagiere getrauten sich nach dem kurzen Regenschauer aufs offene Deck, und so genoss ich mal einen Aperol Spritz am Bug eines Schiffes. In der Nähe des Alexanderplatzes genoss ich ein vietnamesisches Znacht, auf Empfehlung einer Freundin. Danke.

Gendarmenmarkt
Angela Merkels Büro im mittleren Gebäude
Ein Wohnzimmer an der Spree

Am Samstag kaufte ich eine 24-Stunden-ÖV-Karte für € 8.80, fuhr per U-Bahn zur Gedenkkirche am Kurfürstendamm, nahm den 100er Bus, der die wichtigsten Sehenswürdigkeiten passiert, Hackerscher Markt, mit der Bahn zur East Side Galery, die ich damals nicht fand, da ich mir diese ganz anders vorstellte. Am meisten beeindruckt hat mich die Erkenntnis, dass ich zur Zeit des Mauerbaus bereits auf der Welt war, während die meisten Besucher*innen nach dem Abbruch der Mauer geboren wurden. Wie sagte mal ein Freund: Wir sind nicht alt, wir sind Zeitzeugen!

Warschau 18.-20. Juli

In Warschau kam ich mit dem Flixbus am Busbahnhof beim Bahnhof Dw Zachodni an. Von dort Busse ins Centrum: 517, 158 und 127. Ich konnte nicht warten …. nach einer Stunde Marsch fand ich das Appartement auf Anhiebe und checkte ein. Nicht Glück, dass ich es fand, aber dass ich überhaupt eines hatte! Denn ca. 30 Minuten vor Ankunft des Busses wunderte ich mich, dass ich keine Zugangs-Infos erhielt von Booking.com. Ich las nach und erschrak. Statt vom 18.-20. buchte ich vom 20.-22. Zum Glück hatte ich WiFi im Bus und der Kontakt via WhatsApp funktionierte sofort. Ich erhielt umgehend eine Zusage für Umbuchung. Uff. Dafür klappte es mit den Codes beim ersten Versuch. Letztes Jahr dauerten unsere Bemühungen ca. eine Stunde lang. Glück und Pech gleichen sich immer wieder aus!

Warschau ist dieses mal nur Zwischenstation für zwei Nächte, also am Montag gleich die Weiterreise organisieren. Die Tourist-Info im Kulturpalast kannte ich ja schon, die Dame war mega nett und gab mir viele wichtige Infos. Der erste Versuch des Covid-Tests scheiterte an der Online-Anmeldung, wie schon unzählige für die Registrierung für die Einreise nach Litauen. Viele Versuche später übernahm der äusserst nette Bus-Ticket-Verkäufer an seinem Computer. Zum Glück machte ich Screen-Shots aller meiner Einträge, die ich dann nicht senden konnte, so schrieb er einfach ab. Auch er erhielt nicht auf Anhieb einen QR-Code und holte sich Hilfe. Der Knackpunkt: Die Schweizer ID-Nr. passt nicht, die CH-Passnummer hat eine Ziffer weniger als andere. Wenn eine Angabe, eine Stelle nicht stimmt, geht einfach gar nichts. Und zum Glück hatte ich auf dem Handy ein Foto des Passes. Der lag nämlich im Appartement. Ein noch grösseres Glück: Der kluge Mann fotografierte mit meinem Handy gleich den QR-Code auf seinem Bildschirm. Per SMS habe ich ihn bis heute nicht erhalten!
Dann zeigte er mir auch die Covid-Test-Station beim Busbahnhof. 200 Slotys (knapp Fr. 50.-, doppelt so viel wie die elfstündige Busfahrt!), in der Stadt mit Online-Anmeldung wären 120 fällig gewesen (Registration für Corona-Test: www.warszawa.d-lab.pl). Hauptsache negativ und …. die Dame druckte mir das Resultat auf Papier aus!! Per E-Mail kam er bis heute nicht an!

Covid-Test in Warschau. Diese Bilder mögen bald Vergangenheit sein und vergessen.
Jeder meiner drei Antigen-Schnelltests war anders. In Zürich mit langem Stäbchen in ein Nasenloch tief rein, in Berlin in den Rachen, in Warschau mit langem Stäbchen in beide Nasenlöcher, aber nur etwa halb weit rein.


Die Dokumente wurden tatsächlich kontrolliert, von der Bus-Hostess. Viele hatten keinen QR-Code, aber die pflichtbewusste Schweizerin! Wobei die Dame bloss einen Blick drauf warf. Ob das Foto vom Bildschirm scannbar gewesen wäre? Die Dame half jenen geduldig, die noch keine Registrierung hatten. Waren die Papiere in Ordnung, gab sie das Bus-Ticket zurück und ich musste unterschreiben. Wofür weiss ich nicht. Dummerweise bemerkte ich nicht, dass sie mir kein Ticket aushändigte für den Anschluss-Bus. So musste für diesen 10 Euro bezahlen, obwohl sich die Mitfahrer nett für mich einsetzten. Die Tücken und Stolpersteine des Reisens!

Doch endlich hatte ich Zeit, auf die Aussichtsterrasse des Kulturpalastes zu fahren – nach einigem Anstehen, da (offiziell) nur vier Leute in den Lift dürfen, dazu war nun einer von zweien in Betrieb. Eindrücklich, diese Stadt von oben. Wie viele Flächen unverbaut sind und wie breit die Fahrbahnen für Autos und ÖV sind, merkt man beim Flanieren – endlose Strecken! Doch von oben wirkt das nochmals erstaunlicher.

Ich sah auch mein Küchenfenster, auf dem Foto rot markiert. Und der Blick von dort by night.

Doch hatte die Wohnung auch eine Rückseite, von wo sie über eine Dach-Terrasse erreich- und einsehbar war. Die Fenster vergittert, die Türe wie im Hochsicherheitstrakt. Ich wohnte am Ende der Terrasse, hörte und sah nie einen Menschen. Einsam über den Dächern. Es fühlte sich komisch an. Beim Duschen hinter dem weissen Vorhang dachte ich an Hitchcocks Psycho. So war ich gar nicht unglücklich, dass meine zweite Nacht kurz war, ich schon um 5 Uhr aufs Tram musste zum Busbahnhof.

Nach der Organisation der Weiterreise blieben mir noch einige Stunden Zeit. Da ich mir zuvor eine 24-Stunden-ÖV-Karte-Karte für 15 Slotys, ca. CHR 4.- kaufte, fuhr ich entspannt mit U-Bahn und Bus in die Altstadt. Was für ein anderes Bild bei schönem Wetter und Touristen!

Mehr über Warschau von meiner Reise 2020: https://www.travel-memories.ch/2020-polen/

Litauen 21. Juli bis

Vilnius 21. Juli bis

Sehr komfortable Bus-Fahrten auf sehr guten Strassen und pünktlich angekommen nach neun Stunden.

Mein Appartement buchte ich dieses Mal zum richtigen Termin, ich checkte den mehrmals, doch dann forderte mich am Tag vor der Ankunft Booking.com auf, die Buchung zu stornieren: Hello, the flat you have just booked is fully cut off the water supply system, due to some recent rains. Please cancel your booking due to unforseen circumstances. Thank you. Um die Rückzahlung muss ich mich selber kümmern, und wie zu erwarten geht das gar nicht so einfach. Ich bin gespannt ….
Doch ich fand ein anderes Appartement, zu welchem ich mich zu Fuss auf den Weg machte mit meinen etwa 35 Kilo Gepäck – Koffer mit vier Rädern ist eine fantastische Erfindung!

Vor lauter Schauen, Staunen und Entdecken, verlief ich mich, fand aber mit Hilfe einer netten jungen Dame einen alternativen Weg, der kaum länger war. Die Sache mit den Codes und Lockers habe ich nun glaub im Griff, uff. Sogar die Waschmaschine konnte ich in Gang setzen.

Nach kurzer Verschnaufpause zog es mich auf Entdeckungstour. Ich bog nach meiner Zufahrt in die andere Richtung ab als bei der Ankunft, ein paar Schritte zur Querstrasse – ich traute meinen Augen kaum! Die ganze Strasse voller Tische, Stühle und Menschen. Praktisch nur sehr junge, Vilnius ist eine Studentenstadt. Ich fühlte mich wie Altersheim im Ausgang. Zum Glück wählte ich wegen der Hitze das «kleine Schwarze» statt Traveller look. Die Menschen sind so gestylt hier! Es war Dienstag und high life.


Ich musste noch Essen einkaufen. Ob die Einwohner hier kochen? Ein einziges, kleines Lebensmittelgeschäft entdeckte ich, zum Glück bloss etwa 500 m vom Appartement. Das Sortiment enttäuschte. Bediente Kasse gab es nicht. Ich wandte mich sofort an die kontrollierende Dame, denn Brötchen, noch zu wiegende Tomaten und Paprika überforderten mich. Die Dame war nett und hilfsbereit, nahm mir aber die Weinflasche weg: Kein Alkoholverkauf nach 20 Uhr! Sehr erstaunt hat mich das nicht mehr, denn dieses Jahr erst erfuhr ich, dass das Trinken von Alkohol im öffentlichen Raum verboten ist in Italien, Polen, …. und eben auch hier. Merkte ich nie, da ich diese Regel ja nicht breche.

Für den zweiten Tag stellte ich keinen Wecker, die vorherige Nacht war kurz, die Reise lang, der Tag heiss – und eine Stunde Zeitverschiebung!

Nach der Wäsche und Büroarbeiten war mein erstes Ziel das Tourist office, wo ich ja meistens die einzige Besucherin bin. So nahm sich die Dame Zeit und ich haben nun einige Infos und eine Karte zu möglichen Reiserouten im Land.

Da ich den berühmten Turm gleich erblickte, stürmte ich auf den Hügel um die Aussicht zu geniessen. Bei einem Cappuccino plante ich den Nachhauseweg und stellte überraschend fest, dass ich ja einen Bogen lief und gar nicht zurück muss, sondern fast nur ums Eck durch die Prachtstrasse, an der ich gestern Essen kaufte. Perfekt!

Palace of the Grand Dukes
Gediminas Tower
Front des Palace of the Grand Dukes
So schön können autofreie Städte sein! Hier die Gedimino Strasse, gesäumt von edlen Shops. Gerade ging eine Gruppe von Hare Krishna-Anhänger*Innen vorbei, singend und trommelnd.
An der Gedimino Strasse, neben dem Novotel und zwischen Edel-Shop und Mc Donalds gibt es noch die Blumenverkäuferinnen.

Am nächsten Abend, nach der Büroarbeit, machte ich mich auf in die freie Republik Uzupis. Bevor ich den Zoll an der Brücke passierte und die Leute benied, die gerade unter der Brücke schaukelten, kam ich bei der Annes’s Kirche vorbei.

Ich passierte den Zoll an der Brücke mit einem neidvollen Blick auf die unter der Brücke Schaukelnden und betrat die freie Republik Uzupis.
Aus Wikipedia: Ein großer Teil der ursprünglichen Bevölkerung kam während des Holocausts um, der jüdische Friedhof wurde von den Sowjets zerstört. Die leerstehenden Häuser wurden von Kriminellen, Obdachlosen und Prostituierten besetzt. Vor der litauischen Unabhängigkeitserklärung 1990 war der Stadtteil einer der vernachlässigsten der Stadt, viele Häuser hatten weder Strom noch sanitäre Anlagen. In den 1990er Jahren hat sich der Stadtteil grundlegend geändert. Aus dem Viertel ist ein begehrtes Wohnquartier für die städtischen Künstler und ihre Bohème geworden. Hier gibt es zahlreiche Kunstgalerien, Workshops und Cafés. Mitunter wird Užupis mit dem Künstlerviertel Montmartre in Paris verglichen, mit dem auch eine Partnerschaft besteht.

Bevor ich weiterreiste machte ich einen Ausflug nach Trakai, 30 Min. per Bus ab Busbahnhof, fährt mind. einmal pro Stunde, € 2.-/2.20 pro Weg.
Zum ÖV: Soweit ich das beobachte, verfügen viele Orte, oder gar jeder über einen Busbahnhof. Es fahren Busse jeder Grösse. Zuglinien gibt es auch, diese nutzte ich noch nicht.

In Trakai sprach ich sofort ein Pärchen an, das mit im Bus reiste, die einzigen Touris weit und breit. Ich durfte mich ihnen anschliessen zum Inselschloss. Dieses liegt auf einer von mehreren Inseln in einer wunderschönen Landschaft.

Entlang der Strasse stehen viele alte Holzhäuser.

Kaunas (Europäische Kulturhauptstadt 2022)

Von Vilnius nach Kaunas sind es ca. 100 km, eine gute Stunde mit dem Bus für € 7.-.

Bereits beim Einfahren in die Stadt beeindruckten moderne Gebäude, grosszügig angelegte Strassen und Plätze. Die Innenstadt ist auch hier autofrei, die Fussgängerzone über drei Kilometer lang. Der prachtvolle Boulevard wird gesäumt von edlen, Shops, Villen, Restaurants, Bars. In der Mitte eine Allee mit Spazierweg und Sitzbänken, beidseitig breite Velo- und E-Scooter-Strassen. Am Anfang des Boulevards steht die St. Michaels Kirche auf einem grossen Platz, umrandet von Restaurants.

Mein erstes Ziel war die auf einem Hügel gelege Christ’s Resurrection Basilica. Leider machte die kurze Seilbahn Pause. Ein Trampelweg führte mich bloss vor ein geschlossenes Gartentor mit viel Müll davor. Ein «geheimer» Treffpunkt? Ich war froh, in den Sandalen den steilen, rutschigen Sandweg wieder herunterzukommen.
Der offizielle Weg führt über viele Stufen. Erst war ich enttäuscht, wo ist das Panorama? Da kam mir die Idee des Kirchturms. Tatsächlich befindet sich auf der Kirche eine riesige Aussichtsterrasse, erreichbar zu Fuss (2.-) oder mit dem Lift (2.50).

Zurück in der Stadt schaute ich plötzlich auf einen grossen Platz mit begehbarem Brunnen, vielen Skatern, da die Blumenrabatten mit «Beton-Rampen» umrahmt sind. Ich setzte mich gleich oben auf die Terrasse einer Bar und genoss das fröhliche Treiben.

Danach war ich gestärkt um einen Blick auf die Arena zu werfen, die auf einer Insel vorgelagert liegt.

Die Arena besticht durch die riesige, digitale Werbefläche über die ganze Länge oben links. Sie sticht von jedem Aussichtspunkt der Stadt ins Auge. Beim Photo erwischte ich wohl gerade einen Wechsel.

Am Sonntag flanierte ich auf der fast menschenleeren, ca. drei Kilometer langen Fussgängerzone, bei ca. 30°C zum Rathaus.

Ein riesiger Platz ums Rathaus, viele Restaurants und natürlich eine Kirche. Ich nahm gleich am Gottesdienst teil. Der Chor sang wunderschön. Es nahmen einige Familien mit Kindern teil. Fast jeder ging zur Kommunion und legte eine Euro-Note in den Opferstock.

Die Menschen hier sind sehr religiös, bekreuzigen sich oft beim Vorbeigehen an Kirchen. In der Altstadt von Vilnius soll es 50 Kirchen geben, in der gesamten Stadt 150.

Ich warf noch einen Blick auf das Schloss, welches ein Museum beherbergt.

Auf dem Rückweg bewunderte street art – 43 Werke sind auf dem Stadtplan eingezeichnet.

Im historischen Präsidentenpalast der Republik Litauen lebten und arbeiteten die drei Präsidenten von 1919 bis 1939, als Kaunas die Hauptstadt Litauens war.

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Die Vytautas-Magnus-Brücke wird auch „die längste Brücke der Welt“ genannt. Um von der einen Seite zur nächsten zu gelangen, musste man 13 Tage einplanen. Denn auf der einen Seite lag das russische Zarenreich, auf der anderen das Königreich Preussen. Die beiden Länder benutzten 1807 unterschiedliche Kalender.
Jenseits der Brücke ist die Seilbahn zu erkennen, die zum Aussichtspunkt fährt.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist 116-Litauen-Kaunas-Vytautas-Magnus-Bruecke-1600x1067.jpg

Der Rathausplatz am Freitagabend, der DJ legt schon auf (unten Mitte im Bild).

Allgemeines zu Litauen

Vieles erinnert mich an Polen. Es ist absolut sauber auf Strassen und Wegen. Eine Reinigung sah ich noch nie. Ebensowenig Polizei. Es ist immer ruhig, die Menschen werden nicht laut, die Kinder schreien nicht. Mir fallen die vielen Kleinkinder auf, herzlich umsorgt von den Eltern, vor allem auch von den Vätern.
Natürlich ist das Handy auch hier omnipräsent, doch Menschen mit Stöpseln in den Ohren sieht man kaum.
Die meisten Litauer sprechen gut englisch, sind nett und hilfsbereit.
Noch keine Graffiti gesehen, kaum einen Bettler, keine Obdachlosen.
Die beiden bisher besuchten Städte, die grössten des Landes, sind sehr modern, grosszügig angelegt – und ruhig. Die Innenstädte sind autofrei, auf den querenden Strassen herrscht Tempo 20. Viele Leute sind mit Velos, E-Scootern und wenige mit Skates unterwegs.
Busse gibt es, doch da sie nicht im Zentrum fahren, sehe ich selten welche.
Die Städte und Dörfer scheinen gut mit Bussen erreichbar zu sein. Es gibt auch ein Bahnnetz.
Litauen mit dem höchsten pro Kopf Verbrauch an reinem Alkohl hat seit dem 1.1.2018 das strengste Alkoholgesetz der EU. Verkauf nur an über 20 Jährige, werktags von 10-20 Uhr, sonntags nur bis 15 Uhr. Das Konsumieren ist im öffentlichen Raum und in der ÖV verboten, ebenso zu rauchen.
Zwei Anektoten: 1) Als mir der Wind im Strassen-Café die Serviette auf den Boden wehte erhob sich der Herr am Nebentisch sofort, hob sie auf, erklärte mir etwas, ging mit der Serviette zum Kehrichtkübel und entsorgte sie. 2) Als ich auf einem Bänken in der Fussgängerzone vom Buch aufblickte, entdeckte ich auf der Bank schräg gegenüber ein Etui, das nach Handy aussah. In der Schweiz hätte ich nachgeschaut und es auf den Polizeiposten gebracht. Hier entschied ich mich zum Beobachten, was passiert. Es dauerte nicht lange, setzte sich eine junge Frau auf die Bank. Sie tippte auf ihrem Handy, nahm mal das liegengelassene in die Hand, zog eine Kreditkarte oder ID aus der Hülle, tippte auf ihrem Handy. Es dauerte ca. zehn Minuten, da kam ein mittelalterlicher Herr und nahm sein liegengelassenes Handy glücklich entgegen.